Eine Freundin von mir studiert in Greifswald. Da Caspar David Friedrich sich ja nun bereits verabschiedet hat, sind in der Hansestadt noch gefühlt maximal 15 andere Männer zum eventuellen Verlieben. Also schließt man sich einem Freundeskreis an, geordnet nach Musikgeschmack vielleicht, sportlichen Vorlieben, Studiengang oder modischem Stil. Und in diesem Freundeskreis gibt es dann womöglich auch ein paar Männer, zwei oder drei und weil man jemanden zum Austauschen und liebkosen haben möchte, nimmt man dann einen von diesen. Allein ist es in der Hansestadt nämlich ziemlich öde. Und wenn sich nun ein einigermaßen passender Deckel zum Topf gefunden hat, bleibt man für den Rest der Studienzeit auf jeden Fall auch erst einmal dabei.

In Berlin gibt es in der Warteschlange der Post oder in einem U Bahn Wagon der U8 mehr Männer als im ganzen Studiengang meiner Freundin in Greifswald, sagt sie. Stimmt schon. In Berlin gibt es haufenweise Menschen, an jeder Ecke. Pro Kiez mehr als eine Handvoll Freundeskreise, kiezübergreifend möchte ich gar nicht darüber nachdenken, das übersteigt meine Vorstellungskraft und mein Zahlenverständnis. Diese Tatsache macht das Beziehungsleben ganz schön knifflig, sowohl für die, die eine Beziehung führen, als auch für die, die gern eine hätten.

Berlins „menschliches Angebot“ gleicht der Auswahl bei Kaufland oder der Metro. Natürlich möchte ich Menschen nicht mit Ware vergleichen, aber manche Dinge erklären sich einfach besser mit bildlicher Sprache.

Als ich meinen Urlaub auf Usedom verbrachte, gab es in der näheren Umgebung meines Ferienhauses genau einen Konsum. Dort gab es genau zwei Schokoladensorten. Einmal Vollmilch und eine Tafel mit Nüssen. Ich vertrage keine Nüsse, also war die Entscheidung schnell getroffen. In Berlin läuft das so nicht. Dort gibt es eine ganze Schokoladenabteilung. Mehrere Regalreihen voll mit Schokoladenvariationen. Schokoladentafeln, Schokoladenbonbons, Schokoladenküchlein, Schokoladenkekse, saisonale Schokolade. Allein das Milka Angebot braucht ein ganzes Regal nur für sich allein. Für jede Lebensmittelunverträglichkeit gibt es die passende Schokolade. Für jeden noch so kleinen Geschmacksunterschied gibt es die passende Schokolade. Schokoladen über Schokoladen, die sich stellenweise auf den ersten Blick gar nicht unterscheiden und auf den Zweiten auch nur minimal. Da greift man nicht mal eben so ins Regal und gibt sich mit seiner Auswahl zufrieden. Da muss abgewogen werden und ehe man sich versieht, kommt man zu spät zur Tagesschau, weil man ruckzuck 15 Minuten vor dem Schokoladensortiment steht und sich nicht entscheiden kann, ganz in Sorge, man könnte womöglich nicht die beste Alternative wählen. Was also tun? Einladend ist es ja schon, das ganze Schokoladenspektrum einmal durchzuprobieren, bevor man sich festlegt. So ein ständiger Wechsel von Inhaltsstoffen kann doch aber auch nicht gesund sein und die permanente Entscheidungstrefferei führt über kurz oder lang doch auch nur zu Stress. Und wie fühlt sich eigentlich so eine Schokoladensorte, wenn sie sich in einem Kühlschrank gerade heimisch fühlt und damit beginnen will, sich häuslich einzurichten und zu entspannen, nicht immer penibel darauf bedacht, ob sich das Papier faltenfrei um sie schmiegt und schwups, wird sie wieder ausgetauscht. Macht sich die Schokolade dann nicht irgendwann Sorgen, ob sie auf dem Markt etwas falsch macht und stellt ihren Geschmack oder ihre Einzigartigkeit in Frage?

Für dieses Dilemma gibt es also unterschiedliche Lösungsansätze:

Man folgt dem ersten Bauchgefühl und greift relativ schnell zu einer Schokolade. Aber eines ist sicher: Man kommt wieder, keine Frage und probiert eine andere Sorte. Im Hinterkopf behält man schließlich dieses Schokoladenschlaraffenland, was dort inmitten des Einkaufszentrums auf uns wartet und man wird ja auch andauernd mit dieser unendlichen Auswahl konfrontiert.

Man nimmt gleich mehrere Schokoladen mit, weil man sich nicht entscheiden kann und neigt zur Völlerei.

Man nimmt gar keine Schokolade, weil man sich vollkommen überfordert fühlt vom riesigen Angebot und zieht sich lieber wieder in sein Schneckenhaus zurück. Lieber gar keine Entscheidung treffen, als womöglich die Falsche.

Man nimmt die vertraute Schokolade, die man kennt aus Kindheitstagen, verlässt sich auf die gute Erfahrung und ist erst einmal zufrieden mit seiner Schokoladenwahl. Nach einer Weile reizt einen die vielfältige Schokoladenauswahl aber schon und es fallen einem die kleinen nicht ganz idealen Details der Schokolade ein, die einem doch nicht so gut in den Kram passen und so verabschiedet man sich nach ein paar Wochen regelmäßigen Einkaufens von seiner ursprünglichen Wahl, man fühlt sich mittlerweile nicht mehr so erschlagen von dem ganzen Angebot, wird mutiger und greift mal zu etwas besonders exotischem. An dieser Stelle gilt allerdings: Obacht! Denn die exotischen Schokoladentafeln gibt es oft nur für kurze Zeit, dann suchen sie wieder das Weite und plötzlich sind sie einfach raus aus dem Sortiment und dann steht man da und es bleibt ein bittersüßer Nachgeschmack.

Die wenigsten von uns entscheiden sich wohl für eine Schokolade und bleiben bei dieser Wahl. Das wäre ja langweilig. Außerdem will man ja das Gewohnheitstier in sich bekämpfen, denn das so ein Hang zur Routine doch in uns allen schlummert, das wollen wir nicht so recht wahrhaben.

Hat man sich dann langsam mit dem Überangebot von Schokolade in der Kaufhalle, die einem Labyrinth gleicht, vertraut gemacht, steht man vor dem nächsten Problem: Im jahreszeitlichen Rhythmus kommen ständig neue Produkte dazu und liebgewonnene Schokoladen machen einen polnischen Abgang, ohne dass man sich überhaupt richtig verabschieden kann.

Sich für Schokolade im Lebensmittelparadies zu entscheiden, hat was von Partnersuche in einer Großstadt: Bleibe ich bei meiner ursprünglich favorisierten Schokolade, auf deren Geschmack doch eigentlich immer Verlass war oder entscheide ich mich für eine neue Schokolade, die interessanter wirkt und abwechslungsreicher erscheint, ein neues Geschmackserlebnis verspricht, mir zu mehr Erfahrung verhilft und mich meine Flexibilität und Entscheidungsfreiheit spüren lässt? Mit anderen Worten ausgedrückt: Der Reiz des Unbekanntem ist nicht zu unterschätzen!

Allerdings wird auch schnell klar: Unter den unendlich vielen Schokoladen findet man sicher einige, die genießbar sind, aber in so einem Schokoladenregal liegen auch viele Schokoladen, bei denen die Verpackung mehr verspricht, als der Inhalt letztendlich zu bieten hat. Manche sind sogar schlichtweg ungenießbar und bei genauerer Betrachtung eine reine Enttäuschung. No risk, no fun also?

Stellt sich der Versuch eine neuere bessere Schokolade für sich zu entdecken also als Irrtum heraus, gibt es sicherlich die Möglichkeit, wieder auf die altbewährte Schokolade zurückzugreifen. Bei zwischenmenschlichen Dingen ist so ein Wechselbad der Gefühle allerdings nicht so leicht auszubügeln.

Sich auf dem Berliner Singlemarkt „zu beweisen“, als auch zu entscheiden, ist schwer, vielleicht zu vergleichen mit einer mathematischen Gleichung in der Abiturprüfung oder wie das finale Spiel bei Takeshis Castle. Herzlichen Glückwunsch Berlin, du bist der Endgegner unter den Liebestötern und die Wenigsten von uns scheinen in der Lage, sich aus deinen Kraken ähnlichen Fangarmen zu befreien.

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Written by spreekitz

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