Ich bin mit Hunger einkaufen gegangen. Ich sitze mit Schokolade, Chips, Gummitieren und Lakritz auf der Couch. Vielleicht bin ich auch mit Kummer einkaufen gegangen. Mir ist nach Musik. Irgendwas zwischen Bon Iver und den Backstreet Boys. Ich entscheid mich für die goldene Mitte: Ellie Goulding. Die Blumen sind nicht erst seit gestern verwelkt. Sie sehen knusprig aus. Irgendwie ganz schön. Ich entscheide mich, sie noch eine Weile so stehen zu lassen. Das Handy klingelt. Ich stelle mich tot. Ich merke, mir wächst ein Pickel. Immer, wenn ich einen Pickel erfolgreich bekämpft habe, kommt ein Nächster. Vielleicht ist es auch ein und derselbe Pickel, der unter meiner Haut hin und her wandert, nur um mich zu ärgern. Chips nähren den Pickel bestimmt, denke ich. Ich laufe zum Kühlschrank und hole Himbeeren heraus. Der Pickel wächst trotzdem weiter. Ich lege die Himbeeren beiseite und greife zu den Chips. Nützt ja alles nichts. Ich schaue an mir herunter. Gemütliche Jogginghose, denke ich. Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren, meint Karl Lagerfeld. Ich will ihm kein Wort glauben. Mit der Zettelwirtschaft auf dem Boden könnte man wunderbar Twister spielen, denke ich. Oder ich könnte damit mal meine Steuererklärung machen. Zeit wird’s, behauptet die To Do Liste. Blöde To Do Liste, mach doch deine doofe Steuererklärung selbst. Ich fühle mich wie ein dreijähriges Kind in der Trotzphase, nur dass ich keine Legitimation mehr habe, solch‘ ein Verhalten an den Tag zu legen. Anything could happen, singt Ellie Goulding. Ich will ihr jedes Wort glauben. Ich wünsche mir einen Pinguin herbei. Kommt natürlich keiner. Menschenskinder! Ein Erdmännchen vielleicht? Gut, lassen wir das. Konzentrieren wir uns wieder. Ich schaue auf die Fotowand und erblicke ein Urlaubsbild aus Italien. Schön war‘s, denke ich. Bis auf den Vogel, der mir auf den Kopf gemacht hat. Und der Dieb, der mir die Handtasche entrissen hat. Und das Hotelzimmer, in dem ich eine Ratte vorfand. Und wie war das nochmal mit dem Rollerfahrer, der mich fast tot gefahren hätte? Schön war’s trotzdem. Urlaub muss schließlich schön sein und Hobbyempörte kann ich nicht ausstehen. So. Reden wir uns also ein, dass der Urlaub schön war. Das Handy klingelt erneut. Menschenskinder, denke ich. Mama ist dran.
„Er will sich umbringen!“
„Wer?“
„Papa.“
Ich nicke.
Bis ich bemerke, dass sie mein Nicken nicht sehen kann, vergeht ein ganzes halbes Leben.
Ich verspreche sofort zu kommen. In Wirklichkeit wünsche ich, die Wäsche wäre noch nicht fertig, ich hätte einen Wasserschaden oder irgendein anderer Grund würde mir einfallen, warum ich mich nicht sofort auf den Weg machen könnte, um das, was nun Alles irgendwie verändern wird, noch eine Weile hinauszuzögern. Nur welchen Grund sollte es geben, sich in diesem Fall nicht sofort auf den Weg zu machen. Vielleicht, wenn ich in den Wehen liegen würde. Ich verfluche meinen Ex Freund, dass ich jetzt nicht in den Wehen liege. Aggressionsübertragung nennen das die Therapeuten. Ich probiere es mit schwarzem Humor. Überforderungssyndrom nennen das die Therapeuten. Ich schlittere gefühlt von einer unangebrachten Verhaltensweise in die Nächste. Ohnmacht nenn ich das. Was wäre aber in solch einer Situation auch angebracht und wer entscheidet darüber? Ich habe Lust mich zu übergeben. Das Wort ist zu schön. Sagen wir kotzen. Die Fahrt zu meinem Elternhaus dauert in der Regel 40 Minuten. Es fühlt sich an wie 40 Stunden. 40 Stunden, in denen ich sonst eine Millionen Gedanken habe und eine Billion Gefühle durchlebe. Ich kann nicht denken. Ich denke nichts. Ich fühle nichts. Der Kopf ist leer. Das Herz ist schwer. Der Kopf ist komplett mit Nichts gefüllt und auch die Augen, die doch eigentlich schon im Tränenmeer schwimmen sollten, bleiben staubtrocken. Fassungslos und irgendwie gefasst schaue ich mit riesig weit geöffnete Augen ins ich-weiß-nicht-wohin. Normalerweise fehlen mir nicht die Worte. Ich sage prinzipiell zu viel und zur falschen Zeit und am falschen Ort, aber nichts, einfach nichts, kein Wort dieser Welt könnte beschreiben, wie sich das genau anfühlt. Diese Handlungsunfähigkeit und Machtlosigkeit und tiefe Besinnungslosigkeit, die sich plötzlich ausbreitet und sich wie eine betonschwere Decke über deine Wahrnehmung zieht. Ich möchte mich hier jetzt sofort in Embryostellung hinlegen und eine Ewigkeit einfach so da liegen.
So also fühlt sich Leere an.

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Written by spreekitz

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